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SKN 40

41 - Umso besser

"Umso größer die Wohnung, umso höher die Miete."

Wie oft haben Sie schon solche Sprüche gehört?

Ich meine solche mit "Umso ... , umso ..." .

Wissen Sie eigentlich, was hier ausgesagt werden soll?


Es geht um Abhängigkeiten. Es geht um eine Voraussetzung und einen sich daraus ergebenden Sachverhalt. Die Voraussetzung ist: Die Wohnung ist größer. Daraus ergibt sich eine höhere Miete.

Oder vielleicht umgekehrt? Die Voraussetzung ist: Die Miete ist höher, und daraus folgt, dass die Wohnung größer ist.

Ja, was denn nun? Es wird nicht klar, was gemeint ist. Vielleicht verrät der Zusammenhang etwas, in dem ein solcher Spruch steht.


Geben Sie sich keine Mühe, das zu verstehen. Wenn Sie einen solchen Spruch oder einen entsprechenden ganzen Satz hören, fragen Sie doch einfach nach, was der Urheber wirklich sagen will. Was ist Voraussetzung und was ist Folgerung?

 

Warum bleibt das alles so unklar?

Wieder einmal: Ein Wortschatzproblem! Vor gar nicht langer Zeit haben wir alle noch "je ..., desto ..." gesagt.

Doch halt! – Ich kann mich erinnern, dass es "damals" durchaus etliche Leute gab, welche die Konstruktion "je ..., je ..." verwendet haben. Denen fiel im entscheidenden Moment das Wort "desto" nicht ein.


Statt "desto" sagt man heute vielfach "umso". Das ist genauso gut. Aber im Laufe der Zeit geriet das Wörtchen "je" in Vergessenheit, wurde im Wortschatz vieler Menschen deaktiviert (befindet sich nur noch im passiven Wortschatz) und wird deshalb kaum noch verwendet.


Ich kann mich der über 2000 Jahre alten Klage um die Verkümmerung unserer Sprache nur anschließen. Betroffen von diesem Schrumpfungsprozess beim aktiven Wortschatz sind viele Menschen – übrigens (auch hier wieder einmal) aus allen Bildungsschichten!

"Umso" hat die gleiche verheerende Wirkung auf unsere Sprachkompetenz wie "Alternative": Es ist hoch ansteckend und verbreitet sich deshalb viral durch den gesamten deutschsprachigen Raum.

 

Was bedeutet das nun für Sie? Zunächst einmal wird Ihnen in Zukunft auffallen, wie oft die "umso ..., umso ..." – Konstruktion von anderen Menschen verwendet wird. Sie sind ab jetzt wenigstens sensibilisiert für diese problematische Formulierung. Damit haben Sie einen entscheidenden Vorsprung vor vielen Zeitgenossen.


Sie haben jetzt die Möglichkeit, richtig zu formulieren, ohne aufzufallen. Damit erzielen Sie mehr Wirkung als mit dem Gebrauch eines Fremdwortes.


Diejenigen Menschen, die es verstehen, richtig zu formulieren, machen einen wirklich gebildeten und kompetenten Eindruck auf ihre Kommunikationspartner. Dieser Eindruck ist umso stärker, je weniger man merkt, wodurch dieser Eindruck der Kompetenz tatsächlich entsteht.


Es sind ganz elementare und einfache Tatsachen, die Sie nirgendwo in so verständlicher und verdichteter Form vermittelt bekommen, wie in diesem SKN. Aber es sind genau die sprachlichen Fähigkeiten, welche einen guten Autor auszeichnen. Glauben Sie mir: Sie sind mithilfe dieses SKN nicht weit entfernt von erfolgreichen Schriftstellern.

 

Es gibt etliche Ratgeber, die Ihnen versprechen, dass Sie schreiben können, wenn Sie deren Ratschläge befolgen. Da werden bestimmte Schlüsselwörter genannt, vielleicht auch Schrifttypen oder Schriftfarben, da wird empfohlen, einfach zu schreiben, wie Ihnen "der Schnabel gewachsen" ist, über ein Thema, in dem Sie sich als Experte bezeichnen können – alles richtig. Was aber fehlt, sind genau die Tipps, die ich Ihnen in meinem SKN verrate.


Das Bessere ist der Feind des Guten.

Dieser immer wieder zitierte Gedanke trifft genau den Kern der Sprachkompetenz: Schreiben können ist gut. Richtig formulieren ist besser.

 

Ich verspreche Ihnen: Am Ende sind Sie (viel!) besser als viele professionelle Vertreter der schreibenden Zunft.

Herzlichst
Ihr Hans-Werner Leopold

 

 Aufgaben

1. Regelmäßig gesehene Fernsehsendung ab sofort nicht mehr ansehen und stattdessen ein Buch lesen.  
2. Gespräch(e) führen.  
3. Kurze und vor allem vollständige Sätze sprechen.  
4. Texte korrigieren und Fehler und Korrektur dokumentieren.  
5. Testsätze der beiden bevor/solange - Tests bearbeiten.  
6. Vorläufig nicht mehr das Wort "Alternative" verwenden.
SKN41
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SKN 41

42 - "Herein!"

Sie hatten an die Tür geklopft. Und nun gehen Sie . . . – na?

Herein oder hinein?


Zugegeben: Ich höre selten die falsche Version. Aber trotzdem werden diese beiden Wörter hin und wieder verwechselt. Und das klingt dann merkwürdig.

 

Die Regel ist einfach:

Wenn Sie selbst schon "drin" sind, kommt alles,
was sich zu Ihnen hinbewegt, "herein".

Wenn Sie noch "draußen" sind,
müssen Sie Ihren Standort verlassen
und begeben sich "hinein".


Es kommt also auf Ihren Standpunkt an, welches Wort Sie verwenden.

 

Aber warum sagt man: "Ich bin auf den Schwindel hereingefallen" bzw. "ich wurde hereingelegt"?


Offenbar reicht es nicht aus, mithilfe des eigenen Standorts zu ermitteln, welche Formulierung die richtige ist.


Was passierte, nachdem Sie angeklopft hatten?

Zunächst einmal haben Sie gewartet. Höflich und rücksichtsvoll, wie es Ihre gute Erziehung gebietet, warten Sie nach dem Klopfen immer erst auf eine Reaktion. Kommt keine solche, können Sie davon ausgehen, dass der Raum leer ist – möglicherweise sogar abgeschlossen. Dies stellen Sie ggf. fest, indem Sie vorsichtig versuchen, die Tür zu öffnen, nachdem Sie eine Weile vergeblich auf eine Antwort gewartet haben.

Ist jedoch die Person, die Sie aufsuchen wollen, anwesend, so wird diese aktiv, indem sie Sie mit der Aufforderung "Herein!" tatsächlich herein bittet.

Jetzt wird klar, dass nicht Ihr Standort maßgebend ist, sondern der Standort der Person, die aktiv wird. Also:

Es kommt darauf an, von wem oder von welchem Vorgang die Initiative ausgeht. Sie werden herein gebeten. Erst dann werden Sie selbst wieder aktiv und gehen hinein.

 

Der andere erwähnte Vorgang – ein Betrug bzw. Schwindel – spielt die aktive Rolle und legt Sie herein oder lässt Sie herein fallen. Sie selbst sind in diesem Fall nicht aus eigenem Antrieb aktiv geworden. Die Aktivität geht vom Betrüger aus: Sie landen in dem kriminellen Netz, in dem sich der Betrüger bereits befindet.

 

Was tut eine Mutter, die ihr kleines Kind ins Bett legt?

Sie legt es hinein. Die Mutter ist aktiv. Sie und das Kind befinden sich außerhalb des Bettchens. Also legt sie das Kind hinein.

 

Jetzt bleibt noch ein Fall übrig. Es kommt vor, dass Sie in einen Vorgang hinein gezogen werden. Noch verwirrender wird dies scheinbar dadurch, dass jemand Sie in einen Vorgang hinein zieht. Ob es sich dabei um ein Projekt oder eine kriminelle Handlung handelt, ist aus sprachlicher Sicht nicht relevant. Dieser "Jemand" ist aktiv, steckt selbst bereits "drin" und holt Sie dazu. Nach den bisherigen Überlegungen müsste die Formulierung lauten: "Er zieht Sie herein".

Wir müssen hier noch genauer unterscheiden: Um Sie in eine Situation hinein zu ziehen, muss die aktive Person diese Situation (bildlich gesprochen) vorher verlassen. Nur "von außen" kann die Person aktiv werden, damit Sie ebenfalls in die Situation kommen.

Die Person muss also die Projektarbeit ruhen lassen, dann mit Ihnen sprechen und anschließend mit Ihnen gemeinsam die Projektarbeit wieder aufnehmen.

Beide, Sie und die andere Person, gehen also in die Situation (wieder) hinein. Das ist die Erklärung für "hinein ziehen".

 

Wie können Sie sich nun am besten merken, ob "hinein ziehen" oder "herein ziehen" die richtige Formulierung ist?

Wenn Sie die fragliche Aussage umformulieren können, indem Sie das Wort "einbeziehen" verwenden, ist "hinein" das richtige Wort!

Herzlichst
Ihr Hans-Werner Leopold

 

 Aufgaben

1. Regelmäßig gesehene Fernsehsendung ab sofort nicht mehr ansehen und stattdessen ein Buch lesen.  
2. Gespräch(e) führen.  
3. Kurze und vor allem vollständige Sätze sprechen.  
4. Texte korrigieren und Fehler und Korrektur dokumentieren.  
5. Testsätze der beiden bevor/solange - Tests bearbeiten.  
6. Vorläufig nicht mehr das Wort "Alternative" verwenden.
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SKN 42

43 - Desselbigengleichen ... - Teil 1

waren Sie schon einmal in der Kirche?


Ok, es ist Ihre persönliche Angelegenheit, ob Sie zu einer Religionsgemeinschaft gehören und wenn ja, zu welcher. Wenn Sie einmal an einer protestantischen Abendmahlszeremonie teilgenommen haben, werden Sie möglicherweise die so genannten Einsetzungsworte des Pfarrers gehört haben, die da lauten:

"Desselbigengleichen nahm er auch den Kelch, dankte, gab ihnen den und sprach ..."


Worauf es hier ankommt, ist die Formulierung "desselbigengleichen". Es ist jenes alte Deutsch, in das Martin Luther einst die Bibel übersetzt hat. Sie müssen das heute nicht wissen. Aber Sie müssen wissen, was der Unterschied ist zwischen "derselbe" und "der gleiche".


Nirgendwo in der deutschen Sprache herrscht unter den Menschen mehr Verwirrung als in der Frage, wann welche dieser beiden Formulierungen richtig ist. Und diese Verwirrung ist bei überdurchschnittlich gebildeten Menschen nicht geringer als bei den so genannten bildungsfernen Zeitgenossen.

 

Viele Menschen halten es heute nicht mehr für wichtig, bei der Verwendung ihrer Sprache die nötige Sorgfalt walten zu lassen. Gerade bei der Entscheidung zwischen "derselbe" und "der gleiche" entstehen dadurch Missverständnisse mit teilweise erheblichen Folgen.


Zunächst müssen Sie wissen:

Es gibt tatsächlich einen Unterschied! Sollten Sie also bisher nur zufällig mal die eine, mal die andere Formulierung verwendet haben, sind die folgenden Gedanken für Sie ganz besonders wichtig.


Die beste Methode, den Unterscheid zu erläutern, besteht in der Angabe von treffenden Beispielen:

Jede Frau fürchtet sich davor, auf einer Veranstaltung einer anderen Frau zu begegnen, die dasselbe Kleid trägt.


Liebe Freundin!

Haben Sie keine Angst. So etwas kann überhaupt nicht passieren! Schlimm ist nur, wenn die Andere das gleiche Kleid trägt. Um dasselbe Kleid zu tragen, müssten Sie und die andere Frau zu verschiedenen Zeiten verschiedene Veranstaltungen besuchen. Denn dann gäbe es nur dieses eine Kleid. Anderenfalls ist es "nur" das gleiche. Allerdings vermutlich von demselben Hersteller. Aber ich weiß: Auch das gleiche Kleid zur selben Zeit am selben Ort zu tragen, kommt einer modischen Katastrophe gleich!

Machen Sie sich keine Sorgen: Es steht Ihnen viel besser als der Anderen!

 

Ein anderes Beispiel:

Jeden Tag kaufen Sie dieselben Brötchen, weil sie Ihnen so gut schmecken. Wirklich?

Nein! – Es sind nur die gleichen Brötchen, allerdings – und das ist Ihnen wichtig – nach demselben Rezept gebacken. Der Bäcker verwendet nur dieses eine Rezept für Ihre täglichen Lieblingsbrötchen, aber es sind jeden Tag neue, also andere Brötchen.

 

Warum wird so oft "derselbe" verwendet, wenn tatsächlich nur "der gleiche" gemeint ist?

Gefühlsmäßig wird "derselbe" als Steigerung oder besondere Bekräftigung von "der gleiche" empfunden. So fällt es weder demjenigen auf, der diese Formulierung verwendet, noch demjenigen, der die Worte dann hört oder liest.


Besonders deutlich kommt dies in folgendem Beispiel zum Ausdruck:

Ein Kollege sagte einst zu mir: "Der Kollege XYZ ist übrigens am selben Tag geboren wie ich!"

"Toll – welch drolliger Zufall!" entgegnete ich. Für mich war sofort alles klar. Geburtszwillinge trifft man schließlich nicht alle Tage.

Aber dann ergänzte mein Kollege: "Nicht nur, dass wir am selben Tag geboren sind, es war sogar im gleichen Jahr!"


Was glauben Sie, wie ich das logische Denkvermögen dieses Kollegen fortan bewertet habe (ganz zu schweigen von seiner Sprachkompetenz)? Ich war zu der Zeit sein Chef in einer Informatik-Abteilung eines großen Unternehmens.

 

Sie sollten der Versuchung widerstehen, etwas besonders deutlich hervorzuheben, indem Sie mit der Logik brechen. Dazu müssen Sie natürlich wissen, welche Bedeutung die Formulierungen haben, die Sie verwenden.


Immerhin reden Sie doch (hoffentlich!) auch nicht von einer 150-prozentigen Möglichkeit, wenn Ihnen eine solche besonders gut gefällt. – Oder vielleicht doch?!?

Darüber werden wir uns in drei Tagen unterhalten.

 

Morgen kehren wir zu unserem gegenwärtigen Problem zurück. Hierfür gebe ich Ihnen noch ein paar Beispiele zum Grübeln über die richtige Formulierung:

  • Mauerfall und Kristallnacht haben dasselbe Datum.
     
  • Zwillinge haben dieselbe DNA.
     
  • Der gleiche Mann, der 1962 als Innensenator in Hamburg die Rettungsaktionen bei der Flutkatastrophe leitete, wurde 1974 Bundeskanzler.
     
  • Polizisten eines Landes tragen dieselbe Uniform.
     
  • Alle Flugzeuge der Lufthansa ziert dasselbe Logo.
     
  • Die Nachrichtensprecher von ARD und ZDF haben den gleichen Beruf.
     
  • Über Europa und Australien scheint dieselbe Sonne.
     
  • Ein Auto hat vorn und hinten dasselbe Nummernschild.
     
  • Die beiden Kollegen fahren mit dem gleichen Auto zur Arbeit.
     
  • Dieselben Kollegen benutzen dafür immer die gleiche Strecke.
     
  • Bei ALDI finden Sie das Brot immer an derselben Stelle.
     
  • Bei jeder Bahnfahrt sitze ich immer in demselben Waggon – gleich hinter der Lok.
     


Viel Spaß!

Herzlichst
Ihr Hans-Werner Leopold

 

 Aufgaben

1. Regelmäßig gesehene Fernsehsendung ab sofort nicht mehr ansehen und stattdessen ein Buch lesen.  
2. Gespräch(e) führen.  
3. Kurze und vor allem vollständige Sätze sprechen.  
4. Texte korrigieren und Fehler und Korrektur dokumentieren.  
5. Testsätze der beiden bevor/solange - Tests bearbeiten.  
6. Vorläufig nicht mehr das Wort "Alternative" verwenden.
SKN43
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SKN 43

44 - Desselbigengleichen ... - Teil 2

na?

Das war wohl doch nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussah.


Lassen Sie uns das besprechen. Zunächst wiederhole ich nach bewährtem Prinzip (demselben wie beim bevor-solange-Problem) die Sätze von gestern:

  • Mauerfall und Kristallnacht haben dasselbe Datum.
  • Zwillinge haben dieselbe DNA.
  • Der gleiche Mann, der 1962 als Innensenator in Hamburg die Rettungsaktionen bei der Flutkatastrophe leitete, wurde 1974 Bundeskanzler.
  • Polizisten eines Landes tragen dieselbe Uniform.
  • Alle Flugzeuge der Lufthansa ziert dasselbe Logo.
  • Die Nachrichtensprecher von ARD und ZDF haben den gleichen Beruf.
  • Über Europa und Australien scheint dieselbe Sonne.
  • Ein Auto hat vorn und hinten dasselbe Nummernschild.
  • Die beiden Kollegen fahren mit dem gleichen Auto zur Arbeit.
  • Dieselben Kollegen benutzen dafür immer die gleiche Strecke.
  • Bei ALDI finden Sie das Brot immer an derselben Stelle.
  • Bei jeder Bahnfahrt sitze ich immer in demselben Waggon – gleich hinter der Lok.

 

Nehmen wir uns den ersten Satz vor:

"Mauerfall und Kristallnacht haben dasselbe Datum."

Das ist normalerweise falsch. Die Kristallnacht war 1938 und die Mauer fiel 1989. Nur wenn wir dieser beiden Ereignisse gedenken, tun wir das in jedem Jahr an demselben Tag:
Am 9. November.


"Zwillinge haben dieselbe DNA."

Zunächst: Ich weiß es nicht. Als ich im Internet nach einer Antwort auf diese Frage suchte, nicht wegen des sprachlichen, sondern wegen des medizinischen oder biologischen Aspekts, ist mir – ehrlich gesagt – übel geworden. Da kommen mehrfach Formulierungen vor wie "exakt die gleiche" oder "dieselbe, aber mit Unterschieden" …

Ich kann Ihnen nur dringend raten, solche Fragen nicht im Internet zu recherchieren, ohne sich der Gefahr einer möglichen schweren Schädigung Ihrer Sprachkompetenz bewusst zu sein. Gerade in dieser Frage, die für die Wissenschaft und für die Kriminologie so bedeutend ist, kommt es auf logisch und sprachlich richtige Formulierungen an. Noch nie war ich so verzweifelt über die vielen sprachlich verunglückten Beiträge in allen Foren – bis hin zu Wikipedia. Insbesondere bei Wikipedia findet man die schlimmsten Sprachlogik-Unfälle! Ich kann es nicht verstehen! Gerade ist diese die Welt umspannende Wissensdatenbank zehn Jahre alt geworden, überwacht von Wissenschaftlern, Lektoren und Redakteuren, genutzt von Menschen mit Wissensdurst und hohem Bildungsanspruch.

Es ist eine Katastrophe! Ein kultureller Super-GAU. (gestrichen nach der Japan-Tragödie)


Hier ist der Auslöser meines Wutanfalls:

http://de.wikipedia.org/wiki/Zwillinge

Dort stand wörtlich (am 18.01.2011):

Zwillinge (lat.: gemini) sind medizinisch genau zwei Kinder einer Mutter und eines Vaters, die am gleichen Tag gezeugt (und meistens auch geboren) wurden. Umgangssprachlich werden jedoch alle Kinder als Zwillinge bezeichnet, die innerhalb der gleichen Schwangerschaft herangewachsen sind und in der Regel im Verlauf desselben Geburtsvorganges zur Welt kommen. Bei der seltenen Superfecundatio kommen ebenfalls zwei Kinder in einem Geburtsvorgang zur Welt, jedoch keine Zwillinge. Das Wort Zwilling, älter auch zwiniling, gezwinele, ist eine Ableitung vom Zahlwort zwei und bedeutet ursprünglich "was doppelt vorkommt", "wovon es ein Zweites gibt".

Ende des Zitats. 

Im August 2014 ergänzt:
Inzwischen haben aufmerksame Leser offensichtlich dafür gesorgt, dass die Formulierungen geändert wurden. Damit ist bewiesen, dass außer mir doch noch einige Leute existieren, denen solche Fehler auffallen und die darüber hinaus auch noch tätig werden - wie ich mit meinem SKN - jeder auf seine Weise. Allerdings wurde hier nur halbe Arbeit geleistet: "am selben Tag gezeugt (und meistens auch geboren)" lässt noch immer die Interpretation zu, dass Zeugung und Geburt meistens am selben Tag stattfinden - ohne die Zeit für die Schwangerschaft. Es ist zwar inhaltlich klar, was gemeint ist, aber wissenschaftlich und sprachlogisch immer noch falsch formuliert. Streng genommen (und damit richtig) muss es heißen: "am selben Tag gezeugt (und meistens auch am selben Tag geboren)". Erst damit wird deutlich, dass die beiden "selben Tage" tatsächlich zwei verschiedene, zeitlich auseinander liegende Tage sind. 

 

Spätestens bei diesen Recherchen ist mir deutlich geworden, wie wichtig der SKN ist, um uns alle davor zu bewahren, dass Deutschland in der Welt seine wissenschaftliche und kulturelle Bedeutung verliert.


Nachdem ich mich nun wieder einigermaßen beruhigt habe, betrachte ich den Satz über die DNA aus sprachlogischer Sicht:

Die DNA eines Menschen ist individuell. Auch beim Zwilling. Was die DNA von (eineiigen) Zwillingen auszeichnet, ist die Tatsache, dass sie denselben genetischen Code enthalten.

Also: Zwillinge haben die gleiche DNA, eben weil sie denselben genetischen Code enthält.

Dieser Umstand macht es den Kriminaltechnikern schwer, einem von beiden Zwillingen aufgrund einer DNA-Analyse eine Tat nachzuweisen und gleichzeitig den anderen zu entlasten. Der Beispielsatz ist also falsch.


Widmen wir uns nun dem dritten Satz:

"Der gleiche Mann, der 1962 als Innensenator in Hamburg die Rettungsaktionen bei der Flutkatastrophe leitete, wurde 1974 Bundeskanzler."

Sie kennen ihn sicher: Helmut Schmidt. Der ist einmalig. Ebendieser war Innensenator in Hamburg und später Bundeskanzler. Es ist derselbe Mann.


Auch die nächsten vier Sätze sind schnell erklärt:

"Polizisten eines Landes tragen dieselbe Uniform."

Richtig, wenn damit der Schnitt, der Entwurf oder das Styling der Uniform gemeint ist, falsch, wenn das Kleidungsstück selbst Gegenstand der Aussage ist.


"Alle Flugzeuge der Lufthansa ziert dasselbe Logo."

Richtig. Es gibt nur den einen stilisierten Kranich.


"Die Nachrichtensprecher von ARD und ZDF haben den gleichen Beruf."

Falsch. Entweder sind sie Nachrichtensprecher oder nicht. Unterschiede bestehen nur in der Art, wie und wo die jeweiligen Personen ihren Beruf ausüben.


"Über Europa und Australien scheint dieselbe Sonne."

Richtig. Das muss wohl nicht erklärt werden.


"Ein Auto hat vorn und hinten dasselbe Nummernschild."

Falsch. Es sind zwei Schilder, wenn auch mit derselben Nummer.

 

Morgen behandeln wir die noch verbleibenden vier Sätze (9 bis 12). Besonders die beiden letzten bedürfen einer ausführlichen Erklärung.

Herzlichst
Ihr Hans-Werner Leopold

 

 Aufgaben

1. Regelmäßig gesehene Fernsehsendung ab sofort nicht mehr ansehen und stattdessen ein Buch lesen.  
2. Gespräch(e) führen.  
3. Kurze und vor allem vollständige Sätze sprechen.  
4. Texte korrigieren und Fehler und Korrektur dokumentieren.  
5. Testsätze der beiden bevor/solange - Tests bearbeiten.  
6. Vorläufig nicht mehr das Wort "Alternative" verwenden.
SKN44
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SKN 44

 

45 - Desselbigengleichen ... - Teil 3

wir haben noch vier Sätze zu besprechen.


Los geht’s:

"Die beiden Kollegen fahren mit dem gleichen Auto zur Arbeit."

Falsch, wenn es sich um eine Fahrgemeinschaft handelt. Dann sitzen sie nämlich zusammen in einem einzigen, also in demselben Auto. Richtig, wenn beide ein Fahrzeug desselben Typs benutzen, z.B. einen für alle gleichen Firmenwagen. Gerade beim Auto kann die Gleichheit zweier verschiedener Fahrzeuge sehr unterschiedlich beurteilt werden – je nach dem, was verglichen wird. Hersteller, Farbe, Ausstattung usw. oder eine beliebige Kombination dieser Kriterien.


"Dieselben Kollegen benutzen dafür immer die gleiche Strecke."

Richtig und falsch. Dieselben Kollegen: Richtig. Es sind keine anderen. Ansonsten falsch. Jede Strecke ist individuell, existiert nur einmal. Entweder benutzen sie dieselbe Strecke oder zwei verschiedene Strecken. Die sind dann nicht einmal gleich.


"Bei ALDI finden Sie das Brot immer an derselben Stelle."

Richtig. ALDI hat viele Filialen, die alle nach demselben Prinzip sortiert sind. Egal, in welcher Stadt Sie welche ALDI-Filiale aufsuchen – Sie könnten mit geschlossenen Augen das Brotregal sicher erreichen. Hier ist nicht der individuelle Ort des Brotregals gemeint, sondern die für alle ALDI- Filialen gültige einmalige Wegbeschreibung dorthin. Also immer dieselbe.


"Bei jeder Bahnfahrt sitze ich immer in demselben Waggon – gleich hinter der Lok."

Nein – nicht falsch, wie Sie denken, weil Sie berechtigterweise annehmen, dass die Bahn nicht immer denselben Waggon gerade in dem Zug verwendet, mit dem ich fahre.

Durch den Zusatz "gleich hinter der Lok" wird deutlich, dass hier nicht ein bestimmter Waggon in einem bestimmten Zug gemeint ist, sondern die für alle Züge (außer den von einer Lok geschobenen) gültige Position im ersten Waggon hinter der Lok. Und die gibt es nur einmal. Es ist mehr ein Prinzip. Dasselbe Prinzip bei jeder Fahrt. Also: Richtig!

 

Aus den vorangegangenen Beispielen werden Sie es sicher erkannt haben:

Wenn Sie zwei Personen, zwei Gegenstände, zwei Situationen, zwei Prinzipien – kurz: zwei verschiedene Dinge betrachten, die zum Verwechseln ähnlich sind, handelt es sich immer um die gleichen.


Wenn Sie eine Person, einen Gegenstand, eine Situation, ein Prinzip betrachten – aus unterschiedlichen Perspektiven oder zu unterschiedlichen Zeiten, so ist es jeweils dasselbe (dieselbe, derselbe).

Dies können Sie sich als Regel einprägen.

 

Das Problem "derselbe – der gleiche" ist bei näherer Betrachtung übrigens ähnlich brisant wie die "Alternative". Erschwerend kommt hinzu, dass für diese Wortwahl keine fremdwörtliche Alternative existiert. Sie können diese Formulierungen nicht ersetzen. Umso mehr sind Sie darauf angewiesen, richtig zu formulieren, wenn Sie den Anschein mangelhafter Sprachkompetenz vermeiden wollen.

 

Um die Sicherheit zu erhöhen bei der Wahl der richtigen Formulierung, gibt es noch eine zusätzliche Möglichkeit:

Wenn das Wort "dieselben" auftaucht (Plural), muss es heißen "die gleichen". In der Mehrzahl ist das Wort nur dann richtig, wenn es ersetzt werden kann durch "dieselbe Gruppe von …".


"Dieselben" sollte bei Ihnen sofort die Alarmglocke läuten lassen – ebenso wie bei "bevor … nicht …".


Umgekehrt: Existiert etwas nur einmal, ist es also identisch in beiden Aussagen, so ist es immer "dasselbe" – niemals "das gleiche". Die "gleichen" existieren also mehrfach. Kommt der-die-das gleiche im Singular (Einzahl) daher, so ist er-sie-es immer schon mindestens das zweite Exemplar.

 

Zum Schluss baue ich Ihnen eine richtig stabile Eselsbrücke, über die Sie übrigens in beide Richtungen gehen können, weil sie sehr breit ist:

"Derselbe" wird immer zusammen geschrieben und ist immer nur ein Exemplar – ein Wort.

"Der gleiche" wird immer getrennt geschrieben und setzt immer die Existenz von mindestens zwei Exemplaren voraus - zwei Wörter.

 

Jetzt erhalten Sie von mir noch einen Bonus:

Neben der Gelegenheit, mit diesem SKN Ihre Sprachkompetenz zu festigen, können Sie mit diesem Bonus noch ein anderes Problem lösen, mit dem sich mein Vater seinerzeit ein Leben lang vergeblich beschäftigt hatte. Er hatte sich stets selbst – trotz seiner naturwissenschaftlich-technischen Orientierung als Diplom-Ingenieur – als bekennender Versager in Verwandtschaftsfragen bezeichnet.

Ich betrachte in dem folgenden Beispiel nur die weibliche Linie:

Zwei Mädchen haben …  Dann sind sie …
 
dieselbe Mutter:
 
Schwestern.
 
dieselbe Großmutter, aber nicht dieselbe Mutter:

 
Cousinen.
Die Mütter sind Schwestern.
 
dieselbe Ur-Großmutter, aber nicht dieselbe Großmutter:
 
 
 
Cousinen 2. Grades ("um eine Ecke"). Die Mütter sind Cousinen.
Die Großmütter sind Schwestern.
 
dieselbe Ur-Ur-Großmutter, aber nicht dieselbe Ur-Großmutter:
 
 
 
Cousinen 3. Grades ("um zwei Ecken").
Die Mütter sind Cousinen 2. Grades ("um eine Ecke").
Die Großmütter sind Cusinen.
Die Ur-Großmütter sind Schwestern.
usw.  

Zwei Fragen zu diesem Schema:

1. Wann ist der Satz richtig: "Zwei Mädchen haben die gleiche Mutter"?

2. Wie sind diese beiden Mädchen miteinander verwandt?

Morgen verrate ich Ihnen die Lösung.

 

Natürlich kann man das auch gemischt darstellen oder nur für männliche Personen. Aber im ersten Fall ist das sprachlich umständlich, und im zweiten Fall gilt (nur für Leute ab Kleines Latinum): 

"Pater semper incertus".

Frei übersetzt - für Nicht-Lateiner:
"Man weiß nie genau, wer wirklich der Vater ist ..."

(... allerdings kein unlösbares Problem mehr seit der Möglichkeit der DNA-Analyse)

 

Herzlichst
Ihr Hans-Werner Leopold

 

 Aufgaben

1. Regelmäßig gesehene Fernsehsendung ab sofort nicht mehr ansehen und stattdessen ein Buch lesen.  
2. Gespräch(e) führen.  
3. Kurze und vor allem vollständige Sätze sprechen.  
4. Texte korrigieren und Fehler und Korrektur dokumentieren.  
5. Testsätze der beiden bevor/solange - Tests bearbeiten.  
6. Vorläufig nicht mehr das Wort "Alternative" verwenden.
SKN45
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SKN 45

 

46 - Prozentrechnung

... nun? Haben Sie's gewusst?

Ok, ich sag's Ihnen: Die Mütter sind eineiige Zwillinge, die beiden Mädchen demnach Cousinen. Die Aussage ist ein Sonderfall der zweiten Zeile.

 

Wir reden über Sprachkompetenz, und überall ist Mathematik.


Es gibt Wissenschaftler, welche die Mathematik als reine "Geisteswissenschaft" bezeichnen. Ich möchte dem nicht widersprechen, aber ich sehe das nicht so streng. Bevor ich Informatiker wurde, habe ich dieses Fach selbst studiert - bis zur Zwischenprüfung, die man damals "Vor-Diplom" nannte. Wovon ich allerdings wirklich überzeugt bin, ist die Tatsache, dass Mathematik sehr viel mit Logik zu tun hat. Und damit kommen wir etlichen Aspekten der Sprachkompetenz schon sehr nahe.

 

Unser gesamtes Dasein, unsere täglichen Erlebnisse, unsere Kommunikation – ja, unser ganzes Denken folgt mathematischen Prinzipien und Gesetzen. Nehmen Sie einfach nur den Fahrplanaushang an Ihrer Bushaltestelle: Der Haltestellenfahrplan ist eine spezielle Teilsicht – wie durch eine Schablone – auf eine komplexe Beschreibung aller Bewegungen aller örtlichen öffentlichen Verkehrsmittel durch Raum und Zeit und mit ihren Abhängigkeiten untereinander (Anschlussverbindungen).


Schauen Sie in Ihr Portemonnaie (ich kann die alte Schreibweise besser als die neue): Die Scheine und Münzen darin bilden fast spielerisch unser Zahlensystem ab, mit dem wir rechnen.

Ich empfinde noch immer Mitleid mit den Engländern, denen dieser Vorteil bis zum "Decimal Day" im Jahre 1971 versagt blieb. Bis zu diesem Tag hatten die eine total schräge Währung: 1 Pfund wurde unterteilt in 20 Shilling und der wiederum in 12 Pence. Demnach ergaben 240 Pence dann ein Pfund Sterling. Man konnte sich zwar irgendwann daran gewöhnen, auch als Tourist, aber die Engländer waren schon immer ein besonderes Völkchen.

 

 

Hierzu (wegen "spielerisch") möchte ich Ihnen eine kleine Anekdote erzählen:

Während ihres Studiums arbeitete eine unserer Töchter zur Aufbesserung ihres Taschengeldes nebenbei als Kassiererin in einer "KAISERS"-Filiale in Berlin. Am 2. Januar 2002 - also am ersten Tag des Euro als offizielles Barzahlungsmittel - gab sie einer Kundin Wechselgeld heraus. Diese blickte auf die neuen Münzen und sagte ganz begeistert: "Das ist ja wie im Kaufmannsladen ... !" - Darauf unsere Tochter - mit einem verständnisvollen Lächeln im Gesicht: "Sie sind in einem Kaufmannsladen..."

Ob das Dezimalsystem das optimale Zahlensystem ist, ist eine andere Frage, zu der ich mich – als Informatiker – an anderer Stelle äußere. Das führt hier zu weit.

 

Unser politisches System basiert auf der Tatsache, dass bei Wahlen die Kompetenzen immer wieder neu verteilt werden, streng nach mathematischen Prinzipien. Und schließlich begegnen Sie demselben Prinzip bei Preisnachlässen in allen wirtschaftlichen Bereichen – oder bei Aufschlägen in Ihren Beiträgen zur Sozialversicherung.

Überall ist von Prozentsätzen, Prozentpunkten, prozentualen Anteilen usw. die Rede.


Was heißt "Prozent"?

Ihr Finanzamt übersetzt es Ihnen jedes Jahr aufs Neue:
"Vom Hundert".

Hundert ist eine Zahl bzw. eine Menge, die wir uns sehr gut vorstellen können. Besser als eins Komma neun Billionen Staatsverschuldung (Stand: 2011). Hundert ist klein genug, um damit sicher rechnen zu können, und groß genug, um beliebige vernünftig kleine Bruchteile davon zu benennen.

Jeder weiß, was zwei Prozent Lohnerhöhung bedeutet: So gut wie gar nichts. Und 51 Prozent Wahlbeteiligung sind ein Armutszeugnis für das Demokratieverständnis der Wahlberechtigten (in Bremen am 22.5.2011).

 

Wenn Sie früher in der Schule Schwierigkeiten mit der Prozentrechnung hatten, können wir das jetzt ganz leicht aus der Welt schaffen. Ja – Sie haben richtig gelesen! Alle Probleme im Zusammenhang mit Prozentrechnung werden sich für Sie gleich in Luft auflösen. Allein für diesen Effekt wird sich der Erwerb des SKN für Sie gelohnt haben!


Sie erfahren gleich die entscheidende "Zauberformel" für die Lösung aller – wirklich aller! – Aufgaben im Bereich der Prozentrechnung. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie die Zahlen zur Arbeitslosenquote oder die Zinsen für Ihr Baudarlehen betrachten, ob Sie Wahlergebnisse oder Ausländeranteile bewerten, ob Sie Nachrichten hören über Inflationsraten oder Rentenerhöhungen – oder ob Sie nur die Denksportaufgabe lösen, wie viel eine Flasche Wein für zehn Euro kostet, nachdem der Preis erst um zehn Prozent erhöht und kurz darauf wieder um zehn Prozent gesenkt wurde.

Diese Zauberformel ist eigentlich keine Formel – nein, es ist viel einfacher, als Sie denken! Vergessen Sie alle Formeln, die Sie im Zusammenhang mit Prozentrechnung gelernt haben. Sie müssen nichts lernen. Wirklich nicht!


Bevor ich Ihnen nun diese entscheidende "Formel" verrate, merken Sie sich nur das, was Ihnen das Finanzamt immer wieder sagt (s.o.): "Vom Hundert".

Hundert ist immer das Ganze. Und das können Sie in beliebig kleine Stücke zerteilen. Ganz übersichtlich.


Sie müssen sich vor jedem einzelnen Schritt nur – und jetzt kommt die "Formel" – eine einzige ganz einfache Frage stellen.

Sie lautet:

(bitte klicken Sie hier, um die Frage zu sehen!) 

Wenn Sie diese Frage beantworten, sehen Sie sofort die Lösung jeder beliebigen Aufgabe in der Prozentrechnung.

Der Rest ist reines Rechnen. Das erledigen Sie nötigenfalls mit einem Taschenrechner.

 

Was hat das nun mit Sprachkompetenz zu tun?

Hundert ist das Ganze. 100 Prozent – 100 vom Hundert – mehr als hundert sind im Hundert nicht drin.

Sehen Sie jetzt, was für ein ausgemachter Blödsinn es ist, "vollständig" mit dem Begriff "150-prozentig" zu bekräftigen?

 

Zum Schluss nun doch noch etwas Mathematik:

Wenn Sie eine Menge um die Hälfte erhöhen, ist das Ergebnis selbstverständlich 150 Prozent. Auch hier die Frage: Was ist Hundert? – Hier: Die Ausgangsmenge. Auf die bezieht sich in diesem Beispiel die Beschreibung der Ergebnismenge. Wenn Sie jetzt noch einmal 50 Prozent dazu packen, können Sie das Ergebnis nur feststellen, wenn Sie wiederum die Frage beantworten: Was ist Hundert?

Sie müssen sich dann nämlich klar entscheiden: Die Ausgangsmenge oder die erste Ergebnismenge. Also 100 oder 150. Dementsprechend ist das Endergebnis dann 200 oder 225. Wenn Sie das begriffen haben, ist die Denksportaufgabe mit der Weinflasche ein Kinderspiel. Und die allenthalben gefürchtete Zinseszinsrechnung verliert ihren Schrecken.


Ich gehe davon aus, dass Sie das jetzt 100-prozentig verstanden haben!

Herzlichst
Ihr Hans-Werner Leopold

 

 Aufgaben

1. Regelmäßig gesehene Fernsehsendung ab sofort nicht mehr ansehen und stattdessen ein Buch lesen.  
2. Gespräch(e) führen.  
3. Kurze und vor allem vollständige Sätze sprechen.  
4. Texte korrigieren und Fehler und Korrektur dokumentieren.  
5. Testsätze der beiden bevor/solange - Tests bearbeiten.  
6. Vorläufig nicht mehr das Wort "Alternative" verwenden.
SKN46
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SKN 46

47 - Deutsch ist ein Witz

ist der Witz möglicherweise eine deutsche Erfindung?


Wie ist ein Witz aufgebaut? Die wichtigste Aussage – die Pointe – steht immer am Ende.


Genau so funktioniert auch unsere Sprache. Das Wichtige steht immer am Schluss. Das wird uns selbst oft ebenso zum Verhängnis wie den Menschen, die unsere Sprache lernen wollen.

 

Erinnern Sie sich noch an das Problem der Simultanübersetzer aus dem Europäischen Parlament? Oft können diese nicht weiter übersetzen, weil sie nicht wissen, worauf ein Satz hinausläuft, wenn er von einem deutschsprachigen Abgeordneten stammt. In den anderen europäischen Sprachen wird eine Aussage getroffen und anschließend mit Attributen oder beschreibenden Nebensätzen erläutert. In Deutsch kommen die Erläuterungen oft als Einschub, bevor die Aussage endlich den Zuhörer aufklärt. Und währenddessen schweigen die Dolmetscher und versuchen, sich alle "Einschübe" zu merken, falls sie dieselben nicht aufschreiben. Die nichtdeutschen Abgeordneten vermuten dann wieder einen Ausfall der Dolmetscheranlage.

 

Den nichtdeutschen Menschen, die unsere Sprache lernen, wird dieses Prinzip der wichtigsten Aussage am Schluss als Vorteil vermittelt. Es gibt nämlich von dieser Regel keine einzige Ausnahme (über "keine einzige" unterhalten wir uns noch – später). So kann man das leicht lernen und immer richtig anwenden.


Unsere Sprache erlaubt auch das beliebige Zusammensetzen von Substantiven (Hauptwörtern) zu einem neuen Wort. Wofür dieses Wort steht, wird immer an den Schluss gestellt.

 

Kennen Sie den berühmtesten Kapitän? Oder besser: Das Abzeichen vorn an seiner Mütze?

Die Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmützenkokarde.

Haben Sie sicher schon mal gehört! Ein solches Wort müssen Sie von hinten nach vorn lesen, um auf Anhieb zu wissen, wofür es steht. Wenn Sie vorn anfangen, lernen Sie erst einmal den mit fast dreitausend Kilometern längsten europäischen Fluss kennen, lange bevor klar wird, dass eigentlich nur von einem Stückchen Blech die Rede ist. Und was auf dem Weg dahin alles passiert! Ein riesiges Verkehrsunternehmen mit einer ganzen Flotte von Schiffen, die mit genial konstruierten Dampfmaschinen angetrieben werden, mit Führungskräften und deren Uniformen wird beschrieben, alles in einem einzigen Wort zur Beschreibung eines kleinen Stückchens geprägten Blechs.

Was für eine kraftvolle Sprache!


Es ist wie bei Google Earth: Sie sehen bei Programmstart den ganzen Globus und zoomen hinein, bis Sie am Ende auf Ihrem Ziel landen, das Sie interessiert. Planet – Kontinent – Land – Region – Ort – Straße – Haus – immer in derselben Reihenfolge.


So bilden wir unsere Begriffe: Elternhaus, Berufsschule, Hundehütte, Presseball, Urlaubsziel, und wir wissen: Es handelt sich um ein Haus, eine Schule, eine Hütte, eine Tanzveranstaltung und ein Ziel – jeweils näher beschrieben durch ein vorangestelltes Wort, das sonst vollkommen eigenständig existiert und für etwas steht, was hier nicht gemeint ist: Eltern, Beruf, Hund, Presse und Urlaub.

So entstehen auch Begriffe wie Hausfrauen und Frauenhaus, die nichts miteinander zu tun haben, obwohl sie aus denselben Wörtern zusammengesetzt sind.

Weitere Beispiele:

  • Straßenbau und Baustraße,
     
  • Ballspiel und Spielball,
     
  • Rathaus und Hausrat,
     
  • Bauhaus und Hausbau, 
     
  • Kraftreserve und Reservekraft,
     
  • Bahnstraße und Straßenbahn,
     
  • Feldlager und Lagerfeld

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

?!? –

 

 

Entschuldigung - ich wollte "Karl den Großen" nicht beleidigen...

Er heißt auch nicht so. Sondern Karl Otto Lagerfeldt (mit "dt"). Das t hat der Modezar wegretuschiert. Wenn Ihnen bei diesem letzten Satz etwas aufgefallen ist, schreiben Sie mir bitte.

 

Der bezeichnete Gegenstand befindet sich immer im letzten Teil des zusammengesetzten Wortes. Alle Teile davor beschreiben den Gegenstand in einer genau festgelegten Reihenfolge, aus der die Klassifizierung des Gegenstands eindeutig hervorgeht. Diese Vorgehensweise lässt unseren aktiven Wortschatz viel größer erscheinen, als er tatsächlich ist.


Dieses Prinzip erlaubt Wortschöpfungen in einer Weise, die uns Deutschen so leicht niemand nachmacht. Gerade das Wort des Jahres 2010 ist ein sehr gutes Beispiel hierfür. Ich will das Wort nicht bewerten, aber aus rein sprachlicher Sicht ist es absolut genial erfunden:

 Wutbürger.

(Für Politikerinnen und Politiker: Wutbürgerinnen und Wutbürger.)

 

Ich bewundere die Menschen, denen so etwas einfällt.

Herzlichst
Ihr Hans-Werner Leopold

 

 Aufgaben

1. Regelmäßig gesehene Fernsehsendung ab sofort nicht mehr ansehen und stattdessen ein Buch lesen.  
2. Gespräch(e) führen.  
3. Kurze und vor allem vollständige Sätze sprechen.  
4. Texte korrigieren und Fehler und Korrektur dokumentieren.  
5. Testsätze der beiden bevor/solange - Tests bearbeiten.  
6. Vorläufig nicht mehr das Wort "Alternative" verwenden.
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SKN 47

48 - Mach mal Pause - ...

(Teil 1 einer amerikanischen Getränkewerbung) 

folgen Sie gern auch dem zweiten Teil der Aufforderung, falls Sie noch eine Flasche dieser coffeinhaltigen Limonade im Hause haben.

Heute geht es um die Pause. Nicht die zurzeit oft zitierte Blaupause ist gemeint, sondern tatsächlich diejenige Pause, die eine kurzzeitige Unterbrechung irgendeines Vorgangs darstellt.

Was eine Pause ist, muss ich nicht erklären. Sie kennen die Pause sicher noch aus Ihrer Schulzeit als zuweilen willkommene Unterbrechung einer langweiligen Unterrichtsstunde - ausgerechnet in Deutsch habe ich damals oft der erlösenden Pausenglocke entgegengefiebert. Das darf ich eigentlich gar nicht laut sagen - bei meinem heutigen Anspruch. Aber das Leben ist sowieso die bessere Schule.

Der Sinn der heutigen Lektion mit Betrachtungen über die Pause ist nicht, dass Sie etwas Neues lernen, sondern dass Ihnen bewusst wird, welche unterschiedlichen Interpretationen das Wort Pause ermöglicht, wenn es als letzter Teil eines zusammengesetzten Wortes auftritt.

Wie oft haben Sie schon in den Medien vernommen, dass der eine oder andere Politiker vorschlägt, eine Denkpause einzulegen? 

Reflexartig reagieren in diesen Fällen viele Deutsch-Besserwisser mit der Bemerkung, man wolle offenbar für einige Zeit das Denken einstellen.

Doch weit gefehlt!

Diese Besserwisser denken ihrerseits nicht zu Ende: Der Begriff "Pause" weist nämlich ähnliche Eigenschaften auf wie der Begriff "Schatz". Erinnern Sie sich? Ein Schatz kann entweder durch seinen Inhalt (Goldschatz, Wortschatz) näher klassifiziert werden oder durch die Angabe, wo er sich befindet (Bodenschatz). Die jeweils andere Klassifizierung geht nicht aus dem zusammengesetzten Wort hervor. 

Genau so "funktioniert" die Pause: Der Wortteil, der die Pause näher beschreibt, bezieht sich entweder auf den unterbrochenen Vorgang oder auf das, was während der Pause stattfindet. 

So ist eine Frühstückspause etwas anderes als eine Sendepause.

Welche von beiden Möglichkeiten, eine Pause zu beschreiben, ist denn nun richtig?

Wie so oft lautet auch hier die Antwort: Es kommt darauf an ...

Um die richtige Antwort zu finden, müssen wir überlegen, in welchem Zusammenhang die Pause erwähnt wird und welcher Tatbestand hier wichtig ist für die gesamte Aussage. Wenn also von der Frühstückspause - z.B. in Tarifverträgen - die Rede ist, geht es um den Grund für das Unterbrechen einer Tätigkeit und nicht um die Tätigkeit selbst. Ein Monteur in einer Fabrik frühstückt mit derselben Berechtigung wie ein Verwaltungsbeamter im Rathaus, denn der Tarifvertrag gesteht beiden zu, ihre jeweilige Tätigkeit für eine festgelegte Anzahl von Minuten zu unterbrechen.

Bei einer Sendepause ist nicht wichtig, was während der Pause geschieht. Was den Zuhörer oder Zuschauer interessiert, ist einzig und allein die Tatsache, dass ein Sender eine Zeitlang nicht sendet, aus welchem Grund auch immer.

 

Kommen wir auf die Denkpause zurück: Dieser Begriff taucht auf, wenn Zweifel an einer Tätigkeit entstehen und eine Entscheidung zu treffen ist, "wie es weitergehen soll". Vor dieser Entscheidung muss darüber nachgedacht werden. Die Tätigkeit wird also mit einer Denkpause unterbrochen.

Die Denkpause ist kein Stoff für satirische Besserwisserei!

Eine kleine Aufgabe:
Versuchen Sie, Pausen zu finden, deren nähere Bezeichnung angibt, was unterbrochen wird, und nicht, zu welchem Zweck. Ich habe lange überlegen müssen, bis mir wenigstens die Sendepause einfiel. Schreiben Sie einmal fünf Minuten lang alle Pausen auf, die Ihnen einfallen. Dann sortieren Sie die Pausen in die zwei Gruppen, die wir betrachtet haben. Sie werden ein interessantes Ergebnis erhalten! Übrigens testen Sie damit - ganz nebenbei - gleichzeitig Ihren aktiven Wortschatz.

Nach dieser Aufgabe sind Sie in der Lage, die Denkpausen-Besserwisser "auflaufen" zu lassen.

Viel Spaß!

Bis morgen!

Herzlichst
Ihr Hans-Werner Leopold

 

 Aufgaben

1. Regelmäßig gesehene Fernsehsendung ab sofort nicht mehr ansehen und stattdessen ein Buch lesen.  
2. Gespräch(e) führen.  
3. Kurze und vor allem vollständige Sätze sprechen.  
4. Texte korrigieren und Fehler und Korrektur dokumentieren.  
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6. Vorläufig nicht mehr das Wort "Alternative" verwenden.
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49 - Wörter und Worte

heute kehren wir einmal zu den Elementarbausteinen der Sprache zurück.


Der Baustoff, aus dem jede Sprache besteht, sind die Buchstaben eines Alphabets. In der Europäischen Währungsunion sind 21 Staaten vertreten mit nur zwei Alphabeten. Ohne Griechenland wären es 20 Staaten, die alle mit demselben Alphabet arbeiten, das allerdings von vielen verschiedenen Sprachen verwendet wird.

Aus diesem Buchstabenvorrat bildet nun jede Sprache ihre eigenen Elementarbestandteile:
Die Wörter.


Wörter sind, wie wir in einer früheren Lektion des SKN gelernt haben, Lautäußerungen, die im Laufe der Zeit akustische Gestalt angenommen haben, um die Dinge zu benennen, von denen wir umgeben sind. In jeder Sprache haben sich die Wörter entsprechenden Regeln untergeordnet, deren Kenntnis uns in die Lage versetzt, miteinander zu kommunizieren.


Mit dem Aussprechen von Wörtern sind wir bereits in der Lage, Stimmungen, Gefühle, Informationen auf elementarer Basis auszutauschen. Dieser Vorgang kann bei einem Kind, das gerade Sprechen lernt, sehr gut beobachtet werden.

 

In der nächsten Ausbaustufe der Sprache werden die Wörter in Gruppen zusammengefasst, wiederum nach bestimmten Regeln. So entstehen Sätze.


Dieser Prozess läuft in den unterschiedlichen Sprachen nach unterschiedlichen Regeln ab. Die Buchstaben sind für alle dieselben. Bei den Wörtern entstehen die ersten Unterschiede. Das ist der Grund dafür, dass wir in der Schule Vokabeln lernen müssen, wenn wir mit Fremdsprachen anfangen. Für das Erlernen unserer Muttersprache konnten wir unsere eigene Kindheit nutzen und haben sehr früh eine Sprachkompetenz erworben, deren Qualität unmittelbar abhängt von den Menschen, die uns großgezogen haben.

 

Kehren wir zum Bauplan unserer Sprache zurück: Nach den Sätzen, die in unserem Bild mit einer Baugruppe verglichen werden können, kommen nun die fertigen Konstruktionen. Wie man mit Baumaterial ein Haus, eine Brücke, eine Kirche, ein Stadion oder einen (ggf. unterirdischen) Bahnhof bauen kann, kann man mit den Wörtern unserer Sprache einen Brief, einen Aufsatz, eine Geschichte, einen Roman verfassen. Die Wörter eines Satzes sowie die Sätze in den Absätzen oder Kapiteln korrespondieren miteinander und verleihen dem Gesamtwerk eine individuelle Struktur.


Wörter haben eine Bedeutung. Wenn sie zu einem Satz gruppiert werden und dadurch einen Sinn bilden, der über die einzelnen Bedeutungen der Wörter hinausgeht, erhalten diese Wörter in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Von diesem Augenblick an spricht man von Worten.

Anders herum kann man sagen: Worte sind Wörter, die in ihrer Kombination eine Aussage darstellen.


Politiker, Dichter, Philosophen sprechen nicht Wörter, sondern Worte. Das heißt: Sie machen in der speziellen Kombination der verwendeten Wörter eine individuelle Aussage.


Der Astronaut Neil Armstrong sprach bei seinem ersten Schritt auf den Mondboden nicht die Wörter, sondern die historischen Worte:

"Ein kleiner Schritt für einen Menschen – ein großer für die Menschheit".

 

Woran erkennen Sie nun, wann es sich um Wörter und wann es sich um Worte handelt, wenn Sie etwas berichten?

Die Unterscheidung ist einfach: Wenn Sie in einer Formulierung den im aktuellen Zusammenhang verwendeten Plural von "Wort" durch den Begriff "Satz" oder manchmal auch "Sätze" ersetzen können, ohne dabei die Aussage zu verändern, sind "Worte" angebracht.

Mit anderen Worten (mit anderem Satz): Wörter sind das Material, das in der Aussage eines Satzes zu Worten wird.

Oder:

Zusammenhanglose Wörter
werden durch die Verwendung
in einem Satz zu Worten.

 

Niemand spricht große Wörter. Das ergibt keinen Sinn. Aber große Worte treffen eine bestimmte Aussage.

Ganz kurz formuliert:

Worte sind Wörter mit einer Aussage.

 

Der Plural von Wort ist ein paar Aufgaben wert, mit denen Sie sich beschäftigen können. Hierzu gebe ich Ihnen einige Sätze, die Sie bitte mit dem richtigen Plural ergänzen. Diese Sätze finden Sie mit folgendem Link:

Worte und Wörter

Lassen Sie sich Zeit mit dieser Aufgabe - gern bis zum Ende des SKN. Denken Sie daran:

Wiederholen ist wichtiger als anstrengen!

 

Bis morgen!

Herzlichst
Ihr Hans-Werner Leopold

 

 Aufgaben

1. Regelmäßig gesehene Fernsehsendung ab sofort nicht mehr ansehen und stattdessen ein Buch lesen.  
2. Gespräch(e) führen.  
3. Kurze und vor allem vollständige Sätze sprechen.  
4. Texte korrigieren und Fehler und Korrektur dokumentieren.  
5. Testsätze der beiden bevor/solange - Tests bearbeiten.  
6. Vorläufig nicht mehr das Wort "Alternative" verwenden.  
7. Die Verwendung von "Worten" und "Wörtern" üben.
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SKN 49

 

50 - Eine einzige Steigerung

"Das Bessere ist der Feind des Guten".


Dieser Satz ist Motor jeglichen Fortschritts. Sportler, Ingenieure, Erfinder, Politiker, ja wir selbst wollen normalerweise immer besser werden, immer reicher, immer glücklicher, immer mächtiger, immer klüger, immer gesünder – aber nur eines ist ganz sicher: Wir werden immer älter. Ohne Ausnahme.

 

Was ist das – sprachlich gesehen? Fortschritt im wahrsten Sinne des Wortes heißt also: Wir schreiten fort, vom jetzigen Zustand in einen anderen, den wir mit dem jetzigen vergleichen. Dieser Vergleich lässt sich nun in der Sprache mit einer entsprechenden Verwandlung des Wortes darstellen, das unseren zukünftigen Zustand beschreibt: Mit seiner Steigerungsform – höher – schneller – weiter.


Was beschreibt einen Zustand?

Ein Adjektiv (Eigenschaftswort), das gesteigert werden kann. Dieses Wort erscheint dann in einer grammatischen Form, die Komparativ (Steigerungsform) genannt wird.

"Komparativ" kommt aus dem Lateinischen und kann mit "Vergleichsform" übersetzt werden.

Der Vergleich findet überall statt: Entweder vergleichen wir ein Objekt (Tatbestand, Lebewesen, Gegenstand), genauer: eine bestimmte Eigenschaft desselben, zu zwei verschiedenen Zeitpunkten miteinander oder eine bestimmte Eigenschaft als Momentaufnahme mit derselben Eigenschaft eines anderen Objekts.


Betrachten wir den zeitlichen Aspekt, so kann die Steigerung irgendwann zu Ende sein ("Am kräftigsten war ich im Alter von 45 Jahren"), oder der Vergleich derselben Eigenschaft zwischen verschiedenen Personen liefert sofort das Ergebnis, welche von diesen am kräftigsten ist. Diese Form des Adjektivs wird Superlativ genannt. Frei übersetzt bedeutet das: "Der über allen anderen liegende Wert".


Superlativ wird als Wort in der Werbung verwendet oder in anderen Zusammenhängen, wenn zum Ausdruck kommen soll, dass keine Steigerung mehr möglich ist.

 

Bevor Sie jetzt anfangen, sich zu langweilen, weil Sie das alles schon wissen, werde ich Sie jetzt kräftig provozieren:

Sie – ja, Sie! – haben bisher den Superlativ immer wieder schwer missbraucht!

Geben Sie zu, dass Sie irgendwann in Ihrem Leben von der einzigsten Möglichkeit gesprochen haben. Und Wortschöpfungen wie die meistbesuchteste Veranstaltung oder der weitgehendste Antrag oder die hochwertigste Ware sind Ihnen mit Sicherheit auch schon über die Lippen gekommen!

Den Antrag und die Ware lässt MS Word 2007 übrigens ebenfalls ohne Beanstandung gelten. Aber darüber haben wir ja schon gesprochen.

Alle Deutschen haben sich irgendwann am Superlativ versündigt. Auch ich, das gebe ich zu.

Und warum? Weil wir inzwischen oft nicht mehr nachdenken über das, was wir sagen oder schreiben.


Bei meinen Recherchen zur richtigen Form des Superlativs von "weitgehend" stieß ich am 19. Januar 2011 auf einen Auszug aus SPIEGEL ONLINE, geschrieben vom renommierten Literaturkritiker Hellmuth Karasek:

"Liest man schon auf der ersten Seite des Romans der Elsner das Wort 'weitgehendst' (das man allerdings weitestgehend auf Kosten des Rowohltschen Lektorats verbuchen müßte), dann scheinen sich solche Befürchtungen nur allzu rasch zu bestätigen."

Ende des Zitats.


"Ein Mann der Sprache – mit einem Anflug von Ironie hat er den Finger in die richtige Wunde gelegt und sich dabei gleichzeitig einen elementaren Fehler erlaubt beim letzten Wort in der eingeklammerten Textpassage! Müßte - mit "ß"! Was haben wir gleich zu Beginn - noch während der kostenlosen Testphase - gelernt? Das müssten Sie eigentlich noch wissen...

Aber vielleicht hat sein Beitrag auch nur unter der Nachlässigkeit eines Redakteurs gelitten, die unmittelbar davor dem Lektorat des Rowohlt-Verlags zur Last gelegt wird."

Diese beiden Absätze habe ich bewusst in Anführungszeichen gestellt und farblich hervorgehoben. Hier bin ich nämlich buchstäblich hereingefallen auf meine eigene Nachlässigkeit. Ganz korrekt gesehen kann ich mich hier nämlich nur noch selbst zitieren, nachdem mir beim zweiten Hinsehen aufgefallen ist, dass dieser SPIEGEL ONLINE Beitrag aus den achtziger Jahren stammt - lange vor der Rechtschreibreform!

 

Bei dieser Gelegenheit ist es angebracht, von ein paar Erfahrungen aus meinen gelegentlichen Internetrecherchen zu einigen Sprachproblemen zu berichten. Meine Erwartung, Antworten zu finden, wird regelmäßig schwer enttäuscht, denn zu jedem Problem gibt es in den einschlägigen Foren rege Diskussionen, zugegebenermaßen und glücklicherweise auf hohem Niveau, aber mit unerfreulichem Inhalt und – wie üblich – mit etlichen Rechtschreibfehlern. Trotz klarer Regelungen in der reformierten Rechtschreibung existieren unglaublich viele verschiedene Auffassungen, die alle ihre Berechtigung haben.

Dennoch werde ich den Verdacht nicht los, dass die Damen und Herren Sprachwssenschaftler(innen) sich mit ihren wortreichen Einlassungen nur herausreden wollen aus ihrer eigenen Unfähigkeit, sich zu einer klaren Sprache zu bekennen. Vieles wird geduldet und umständlich mit Argumenten unterstützt, um nur ja nicht irgendeinen Kollegen zu brüskieren.

Es lohnt den Zeitaufwand nicht, allen Argumenten zu folgen. Deshalb bleibe ich dabei, mich bewusst gegen die mehrheitliche Auffassung zu stellen, indem ich der Logik in unserer Sprache eine deutlich höhere Priorität einräume, als es in den wissenschaftlichen Erörterungen geschieht. Ich werde am Ende dieses Seminars ausführlicher auf diesen Aspekt eingehen.

 

Tiefgreifend, weitgehend, schwerwiegend und alle weiteren Wörter dieser Art sind aus jeweils zwei Bestandteilen zusammengesetzt. Erinnern Sie sich bitte an die Regel, dass das, was die Bedeutung eines zusammengesetzten Wortes ausmacht, immer am Ende steht.

Greifend, gehend und wiegend lassen sich nicht steigern. Steigern kann man nur Adjektive (Eigenschaftswörter) sowie Adverbien (Umstandswörter). Hier also: Tief, weit und schwer. Das Steigern der Beispielwörter im adverbialen Bestandteil ist regelgerecht, logisch richtig und stilistisch einwandfrei. Es ist also trotz der vielen unterschiedlichen Meinungen nicht verkehrt, diesen klaren und leicht zu merkenden Weg zu gehen und die drei Wörter zu steigern mit tiefer greifend, weiter gehend und schwerer wiegend (alles in zwei getrennten Wörtern – gemäß neuen Regeln ... nicht: "gemäß neuer Regeln", wie man so oder ähnlich sehr oft liest oder hört, wenn der bildungsbeflissene Genitiv wieder einmal mit dem Verfasser durchgeht). Der Superlativ führt schließlich zu tiefstgreifend, weitestgehend und schwerstwiegend.

 

Zum Schluss noch eine streng logische Bemerkung:

Es gibt Wörter, die nicht zu steigern sind, z.B. einzig, vollständig, kein, schwanger …


Die einzige Möglichkeit ist nicht etwa die einzigste aller einzigen Möglichkeiten, sondern es gibt nur die eine.

Vollständig – basta. Vollständiger geht nicht. Solange noch nicht vollständig gilt, gilt nur unvollständig.

Kein – hartnäckig hält sich die Formulierung: In keinster Weise. Nicht einmal MS Word 2007 beanstandet das. Trotzdem: Lassen Sie es bleiben.

Schwanger – die berühmte Feststellung "ein bisschen schwanger gibt es nicht" bekommt eine völlig neue Bedeutung durch den (sinngemäß übersetzten) Ausspruch einer englischen Literaturkritikerin:

"Wer einmal im neunten Monat mit Drillingen schwanger war, wird nie mehr behaupten, dass eine Frau nicht schwangerer sein kann als eine andere."

 

Ein besseres Schlusswort zu dieser Lektion fällt mir nicht ein.

Herzlichst
Ihr Hans-Werner Leopold

 

 Aufgaben

1. Regelmäßig gesehene Fernsehsendung ab sofort nicht mehr ansehen und stattdessen ein Buch lesen.  
2. Gespräch(e) führen.  
3. Kurze und vor allem vollständige Sätze sprechen.  
4. Texte korrigieren und Fehler und Korrektur dokumentieren.  
5. Testsätze der beiden bevor/solange - Tests bearbeiten.  
6. Vorläufig nicht mehr das Wort "Alternative" verwenden.  
7. Die Verwendung von "Worten" und "Wörtern" üben.
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